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Maria schaute den Kuchen an.
Der Kuchen starrte zurück.
„Nimm mich“ flüsterte er.
„Iss mich“ und „Zerteile mich zärtlich mit Deiner Gabel« sagte er.
„Zieh mich ran und lass Dein Gesicht direkt in mich hineinfallen. Ich will Dein Gesicht“ sagte er.
Maria zögerte und bemerkte, dass sich in ihrem Mundwinkel Flüssigkeit sammelte. Schnell schloss sie den Mund und schluckte es runter.
Nervös schaute sie sich um, ob jemand was bemerkt hätte, aber niemand sah in ihre Richtung.
„Los – es schaut gerade keiner“, sagte der Kuchen. „Niemand wird es bemerken und ich kann es hinterher auch keinem erzählen“, sagte er.
Langsam versank der Teller, von dem der Kuchen sie beharrlich bedrängte, in Unschärfe und der Kuchen rückte ein Stück näher. „Nimm mich endlich, Du willst es doch auch“, sagte der Kuchen.
Maria rutschte auf dem Stuhl hin und her, aber die Bewegung war schon ohne Kraft, und obwohl sie nach hinten zu gehen schien, schob sich Marias Körper dabei fünf Zentimeter nach vorne.
„Verdammter Kuchen!“, fluchte sie leise, hob die Gabel und stach den Kuchen mitten in sein sahniges Herz. Lustvoll zerteilte sie seinen Körper, um dann die einzelnen Teile in ihrem Mund verschwinden zu lassen.
Gabel für Gabel zerstörte sie die kunstvolle Kreation und lehnte sich am Ende dann auf ihrem Stuhl nach hinten. Nur noch ein paar Flecken waren auf dem Teller zu sehen. Die einzigen Beweise ihrer Tat. Und wieder stellte Maria fest, dass die Befriedigung nicht vollkommen war.
„Du wolltest das so“, dachte sie. „Du hast Dich ja schon so auf den Teller gelegt. Deine eigene Schuld“.
Der Kuchen antwortete nicht.
Maria sah sich nach Zeugen ihrer Tat um. Sie vermied jede hastige Bewegung und schob den Stuhl langsam nach hinten. Zwanzig Zentimeter später stand sie lautlos auf, ging zur Tür, verließ unbemerkt den Tatort und verschwand im Dämmerlicht.