Frank Erz schreibt Zeugs

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Berlin III

https://de.wikipedia.org/wiki/Einar_%C3%96rn_Benediktsson
Berlin I, II & IV stehen noch aus


Berlin.
Sonntag.
Oder wie man zum dritten Mal hintereinander viel zu viele Schritte geht und ansonsten kein schlechtes Gewissen bekommt und deswegen ein schlechtes Gewissen hat.

6:07 Uhr wach – und ich bin erst für um 10 Uhr verabredet.
Was soll der Mist.
Und wieder habe ich Rücken – die Matratzen hier sind übelst.
Ich hänge bis 8 Uhr rum und mache mich dann zu Fuß auf den Weg. Und bin schon um 9:00 Uhr da. So groß scheint Berlin dann doch nicht zu sein.
Eine Stunde zu früh.
Ich hasse es zu spät zu kommen, aber eine Stunde zu früh?

Das geht nicht, das wäre ein emotionaler Überfall auf die Familie, die ich besuche.
Zwei Kinder und ein Paar in Trennung, das noch zusammenlebt. Wegen Wohnungsnot in Berlin.
Wobei der Mann heute nicht da ist.
Aber auch schon um 9 Uhr?
Da bin ich schon ein bisserl nervös.

Direkt an der Adresse ist „die fröhliche Bäckerei“ deren Personal ausschließlich aus Migrationshintergrund besteht. Türkisch erfahre ich später, konnte ich an der Sprache nicht erkennen.
Ändert aber auch nix am Angebot, das ist traditionell deutsch.
Ich bestelle 6 Körnerbrötchen und die Frau hinter der Theke wirft mir blitzschnell verbal ein paar Körnersorten zu.
Meines Erachtens untermalt von ausländisch, auf jeden Fall habe ich nichts von dem verstanden was sie sagt.
Außer das ich wohl die Körner aussuchen soll.
Mein Gehirn rast.
Welche Körner kenne ich und welche davon mag ich?
Die Zettel in 1,5 Metern Entfernung kann ich nicht entziffern.
Eine Idee zündet.

„Von jedem eins dann, Alder, Lan“, rufe ich frohgemut der Frau zu.
War das zu viel?
Habe ich mir fremde Kultur angeeignet?
Sie packt Brötchen ein und fängt dann an zusammenzurechnen.
6 Körnerbrötchen mit 6 verschiedenen Preisen, die sie nicht auswendig kennt und die sie von der Kasse aus nicht sieht. Zum Glück habe ich Zeit.
Orientalische viel Zeit – nicht diese Großstadtzeit.

Draußen vor dem Haus ist dann ein sehr kleiner Park mit einem Zaun, 8 Bänken und 4 Mülleimern zwischen diesen Bänken den ich für die restliche Wartezeit besuche.
Ich setze mich und lese.

Andere Besucher des Parks sind eine alte Frau, anscheinend obdachlos, ein weiterer Mann, der irgendwelche merkwürdigen Telefongespräche führt und ein Flaschensammler.
Ich fühle mich in meinem 14 Euro Primarkhoodie ziemlich privilegiert und hoffe das niemand die frischen Brötchen riecht. Wohlstandsneid findet man überall. Ich hätte besser noch 3-4 Opferbrötchen dazu gekauft.
Ich ziehe die Kapuze über die Basecap und versuche so gut wie möglich nach Gang auszusehen.
Kurze Zeit später taucht eine andere Gang auf – die Müllabfuhr.

Alle außer mir setzen sich irgendwie um – ich kenne die Regeln nicht und bleibe sitzen, dafür begrüße ich die ankommenden Orangekutten mit einem ausführlichen und gutgelaunten „Morgen“.
Von denen kommt keine Reaktion, die trauen sich wohl nicht ein Gangmitglied anzusprechen.
Ich sehe spontan noch etwas gefährlicher aus, meine Brötchen bekommt niemand.

5 Minuten vor 10 gehe ich rüber, klingele und wuchte mich dann 4 Stockwerke hoch.
Sabine ist da, Ihr Sohn Uwe, 10 Jahre, sitzt am Tisch und macht Hausaufgaben, die Tochter Herta lungert noch pubertär in irgendeinem Zimmer rum.
Ich überlege, ob ich den Sohn mit „Hallo, ich bin Deiner neuer Papa, freust Du Dich?“ begrüßen soll.
Da ich aber die Kutte und die Mütze abgezogen habe und nicht weiß wie emotional gerade die allgemeine Stimmung ist, traue ich mich das nicht.
Der Sohn hat lange Haare und ich bin versucht ihn wenigstens mit dem Namen der Tochter anzusprechen.
Das traue ich mich aber auch nicht, diesmal weil mir spontan bewusst wird, das ich sonst zu Hause mit der Frau Ärger bekomme.

Das Frühstück verläuft entspannt, wenn auch nicht so üppig wie bei uns, wenn Gäste kommen – oder wenn keine Gäste kommen.
Es gibt keine Cola, sondern Latte Machiato, aber ohne das ich Richtung Zucker gefragt werde. Hätte ich eh nicht gewollt. Nach Süßstoff fragen traue ich mich nicht, die Friedrichshainer bauen Gemüse am Straßenrand an, da ist Süßstoff und Cola der imperialistische Feind.
Zwischendurch war ich versucht die Bohnen, die Sabine selbst gemahlen hatte, auf FairTrade zu untersuchen und die Gastgeberin schlecht aussehen zu lassen.
Aber ohne Basecap und Hoodiekapuze bin ich einfach zu feige.

Kurze Zeit später stehen wir auf dem kleinen Balkon mit 18 verschiedenen Blumentöpfen und schauen auf die Straße.
„Da liegt schon wieder einer“ sagt Sabine und zeigt nach unten.
Auf der Straßenseite gegenüber, 20 Meter nach Norden, liegt ein Mann und rührt sich nicht.
„Das ist hier echt schlimmer geworden in den letzten Jahren“ sagt Sabine.
Es ist keiner meiner beiden Kumpels aus dem Park.
Ich freue mich für die beiden, vielleicht lasse ich sie in meine neue Gang, weil sie anscheinend auf sich aufpassen.
Ich schaue Sabine fragend an, die schlürft aber nur entspannt ihren zweiten Latte.

„Öhm“, sage ich. „Ruft da niemand irgendwie die Polizei oder einen Sozialdienst – der Mann sieht irgendwie tot aus.“
„Ne“, sagt Sabine. „Der ist nicht tot, der hat sich gerade bewegt.“
Ich schaue wieder runter und tatsächlich. Der halb auf der Seite liegende Mann hustet als würde er gleich erbrechen und liegt dann wieder still.

Ob das vielleicht Einar Örn Benediktsson ist?
Schließlich ist Berlin diese neue aufstrebende Metropole in der so viel passiert und so viele Musiker unterwegs sind.
Und die Isländer sind eh die halbe Nacht wach, weil die Nacht da so lange dauert und er hat das vielleicht nicht gemerkt, dass die Nacht in Berlin schneller vorbei ist.
Und Drogen nehmen diese Musiker doch auch alle.
Ich versuche das vage Bild von Einar Örn mit dem doch sehr entfernt liegenden Kopf in Einklang zu bringen, doch ich scheitere.
Ob mein Telefon genug Zoom hat?

Ich beuge mich nochmal etwas über den Balkon um besser zielen zu können und entdecke, dass das Cafe seine Aussenterasse offen hat und die Leute dort unten auf der Straße frühstücken.
Etwa 15 Meter von dem Mann entfernt.
Ich schaue Sabine an.
„Und da ruft wirklich niemand irgendwen der da hingeht?“
Ich lasse ich die Frage sanft im Raum nachklingen.
Sabine schaut mich an.
„Also ich meine … niemand … also Du rufst auch niemanden?“
Ich verstehe Berlin nicht und für ein paar Momente auch nicht Sabine. Cola und Süßstoff sind schlecht, aber isländische Musiker lässt man morgens um 11:30 Uhr auf der Straße verrecken?
„Ne“ sagt sie ganz entspannt.

Ich ziehe mir den Klappstuhl ran, klappe ihn auf und setze mich. Ich kenne die lokalen Brauchtümer nicht und passe mich besser wohl an. Sonst wird am Ende mit ökologisch abbaubaren Pfeilen aus reguliertem Anbau auf mich geschossen.

Etwas später verlasse ich Sabine und die nun wieder für kurze Zeit verwaisten Kinder, weil ich auf eine Wohlstandsveranstaltung gehen möchte.
Ich verlasse nicht nur Sabine, sondern auch das Haus, gehe an den frühstückenden Menschen vorbei und passiere in etwa 5 Metern Entfernung den bewegungslosen Mann.

Ein schneller Blick im Vorbeigehen bestätigt mir, dass es nicht Einar Örn ist und mit einem Fremden mache ich keine Selfies.

Auch nicht kurz vor 12 Uhr.

Vor allem nicht, wenn der mich anscheinend nicht beachtet.

Städter.

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